Moravec’sches Paradox: Verlierst du deinen Job?

Es gibt kein größeres Hype-Thema als künstliche Intelligenz. Wenn man in den letzten 4 Jahren nicht durchgängig geschlafen oder Netflix durchgespielt hat, wird man mindestens zweitausend Mal einem Artikel zu AI, Machine Learning oder Deep Learning begegnet sein. Kontextualisiert werden diese Themen oft mit der Frage: “Verlieren Sie bald Ihren Job?” Und die allgemeine Antwort lautet, besonders für einfachere Berufe, oft: “Ja”.

Doch ein Forschungsergebnis aus den Achtzigerjahren zeigt: So einfach ist das alles nicht. Und am Ende könnte genau eine Gruppe einen sicheren Arbeitsplatz haben – Menschen mit “einfachen” Berufen.

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68 Jahre für einen Friseurtermin

Intelligent sind die Facebook-Algorithmen, unsere Autos und die NSA. Microsoft ist auch intelligent, genauso wie Amazon‘s Kaufvorschläge und dieser Computer, der jemanden in „Go“ geschlagen hat. Und was ist intelligent, wenn nicht Google! Deren Sprachassistent kann jetzt sogar telefonisch Termine im Friseursalon vereinbaren.

Doch künstliche Intelligenz ist keineswegs ein hippes Trendthema der letzten Jahre. Je nachdem wo man nachliest wird der Beginn der Forschung einem sechswöchigen Workshop der Rockefeller-Stiftung im Jahr 1954 (ultra-mysteriös) oder eben Alan Turing und seinem weltbekannten Turing-Test um 1950 zugeschrieben. Mehr als 60 Jahre Forschung also, bis ein Computer eigenständig beim Friseur anrufen kann -Wow!

Was AI kann und was nicht

Wenn man die Ironie einmal beiseite lässt, findet man tatsächlich eine Vielzahl von Errungenschaft künstlicher Intelligenz, die dann doch etwas höher ansetzen, als die Terminvereinbarung per Telefon: 2017 hat ein Algorithmus beispielsweise einen Planeten in einem 2500 Lichtjahre entfernten Sonnensystem entdeckt. Im gleichen Jahr hat Google eine künstliche Intelligenz entwickelt, die künstliche Intelligenzen programmieren kann. Und natürlich sind da noch Bob und Alice, Facebook Chatbots, die sich erst gegenseitig belogen und dann ihre eigene Sprache erfanden.

Wenn man die Gesamtheit aller von einer künstlichen Intelligenz bewältigten Probleme zusammenfassend beschreiben müsste, könnte das in etwa so aussehen: “Ui, dafür hätte ich als Mensch echt lange gebraucht.” Und der Grund dafür ist das Moravecsche Paradox.

Maschine macht, was Mensch nicht kann

Moravecs Paradox wurde in den Achtzigerjahren von Hans P. Moravec definiert (überraschend, nicht wahr). Einem Mann aus Österreich, der im Alter von 10 Jahren seinen ersten eigenen Roboter konstruierte und zur Masterarbeit eine Art fremdgesteuerten Katzenroboter mit Schnurrhaaren einreichte.

Im Wesentlichen kann das Paradox so beschrieben werden:  Künstliche Intelligenz kann besonders solche Dinge schnell lernen und übernehmen, die Menschen sehr schwer fallen, wie z.B. abstrakte Muster erkennen oder mathematische Berechnungen durchführen.

Gleichzeitig würde es Maschinen sehr schwer fallen Dinge zu tun, die für ein Kleinkind selbstverständlich sind, wie einen anderen Menschen und seine Absichten zu erkennen, sich frei im Raum zu bewegen oder sich auf interessante Vorgänge in der näheren Umgebung zu konzentrieren.

Als Beleg gibt es hier ein Video, dass den laufenden Roboter “Atlas” von Boston Dynamic zeigt: https://www.youtube.com/watch?v=vjSohj-Iclc
Das ist das Non-Plus-Ultra der aktuellen Forschung zum Thema Motorik. Und schon wirkt der Friseurtermin wieder imposant.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Als weiteren Beleg zu der These, dass AI keine für Menschen einfachen Dingen lernen kann, gibt es auf Wikipedia eine schöne Kategorisierung des aktuellen Fortschritts künstlicher Intelligenz. Während die Kategorien “Optimal” und “Super-Human” mit Spielen die abstraktes Denken erfordern gefüllt sind (Schach, Rubik’s Cube und offensichtlich Go. Ernsthaft, kennt ihr jemanden der Go spielt?) lesen sich die Einträge in der Kategorie “Sub-Human”, also “schlechter als Mensch” wie die To-Do-Liste eines Neugeborenen: Objekterkennung, Gesichtserkennung, Stimmerkennung, Laufen.

Die Begründung für dieses Paradox ist verblüffend wie einleuchtend: Wir unterschätzen die uns angeborenen Fähigkeiten massiv. Tatsächlich sind die oben genannten Skills nämlich keine einfache Aufgabe, sondern die Tatsache, dass wir diese fast von Geburt an beherrschen das Ergebnis von Jahrtausenden an Evolution und damit Optimierung. Oder wie Moravec selbst es beschreibt:

Wir alle sind wunderbare Olympioniken im Wahrnehmungs- und Bewegungsbereich, so gut, dass wir das Schwierige einfach aussehen lassen können. Abstraktes Denken ist jedoch ein neuer Trick, vielleicht weniger als 100.000 Jahre alt. Wir haben es noch nicht gemeistert. Es ist nicht alles so schwierig, es scheint nur so, wenn wir es tun.

Hans P. Moravec

“Nein, DU verlierst deinen Job”

Mit dem Wissen, dass es besonders die für Menschen einfach und selbstverständlich erscheinenden Prozesse sind, die Maschinen und ihre Entwickler vor große Herausforderungen stellen, ist es umso erstaunlicher, dass der allgemeine Konsens zur Zukunft der Arbeit eher dahin geht, dass besonders einfache Arbeiten früh ersetzt werden könnten.

Thomas Erwin von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG sagt in der hausinternen Talk-Sendung klardenker live beispielsweise: “Wenn ich genau beschreiben kann, was ich tue, um Geld zu verdienen, dann habe ich gute Chancen innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre meinen Job zu verlieren.” (ab 33:00: https://videostream.kpmg.de/kpmg-klardenker-live-zukunft-der-arbeit) Auf der Website willrobotstakemyjob.com (ein grandioses Stück Internet) ist der Beruf “Koch” mit 96% Wahrscheinlichkeit vom Aussterben bedroht.

Ich halte es für wesentlich wahrscheinlicher, dass eine Software alle Unternehmens- und Branchendaten so akurat analysiert, dass Sie mir bessere Entscheidungsgrundlagen liefern kann, als ein Unternehmensberater, als dass eine Maschine bei meinem Lieblingsitaliener die Amatriciana-Sauce anrichtet. Oder dass der Roboter aus dem Boston Dynamics-Video bei uns die Briefe zustellt (obwohl das wirklich wirklich witzig aussehen würde).

Eine arbeitslose Welt

Letztlich glaube ich, dass die meisten Berufe früher oder später von Maschinen ausgeführt werden könnten. Die Frage ist nur: Wen trifft es zuerst? Und mit Moravecs Paradox im Hinterkopf, ist die Antwort darauf wohl eher nicht “Koch” oder “Gärtner”, sondern vielmehr “Data Analyst”, “Marketing Manager” oder “Unternehmensberater”.

Und dann bleibt natürlich noch eine finale Frage: Wie schlimm ist das eigentlich – eine Welt ohne Arbeit?

Amazon Alexa: Ein Bericht aus der Küche

Amazon hat mich doch bekommen – natürlich. Als die Preise für Amazon Echos (so heißt das Gerät, in dem Alexa wohnt) für ein paar Tage drastisch reduziert wurden, blieb mir quasi keine andere Möglichkeit. Und da steht sie nun in der Küche, die weiße Röhre, die mich irgendwie immer an ein verkleidetes Auspuffrohr erinnert, und hört mir zu.

 

Alexas blauer Ring leuchtet

 

Wie es in den Wald hineinruft

Zunächst ein bisschen Echo-Kunde: Ich habe die Variante Amazon Echo Plus erstanden (früher hießen die Auspuffrohre nur Echo, jetzt aber Echo Plus, da das neue Standard-Echo jetzt kleiner ist, als das neue Echo Plus, ehemals Echo. Verstanden?). Diese hat, anders als der Echo Dot, einen integrierten Lautsprecher. Wenn man auf dem Echo Plus Musik abspielt klingt das also ganz ordentlich. Nicht so beim Echo Dot. Hier klingt es mehr, als hätte ich in MacGyver-Manier versucht einen Lautsprecher aus einer Cellophanfolie, einem Gummiring und einem Feuerzeug selbst zu basteln. Der Echo Dot sollte wirklich nur zur Spracherkennung benutzt werden und nicht zur Musikwiedergabe (Bitte auf keinen Fall zuhause ausprobieren!).

Ob Echo, Echo Plus, Echo Dot oder Echo Show (das letzte Gerät der Reihe, das auch einen Bildschirm und eine Kamera an Bord hat) spielt aber auch keine Rolle. Denn alle Geräte heißen Alexa.
Falsch: Alle Geräte sind Alexa. Spätestens wenn die unschuldige Stimme das erste Adventsgedicht vorliest, hat man auch keine andere Wahl mehr als dieses niedliche Auspuffrohr zu personifizieren.

 

Brauche ich Alexa?

Die Frage, die man sich unweigerlich vor jeder technischen Anschaffung stellt, ist: „Brauche ich das eigentlich?“. Und wenn wir ehrlich sind, ist die Antwort fast immer „Nein“. Wenn wir uns an der Maslowschen Bedürfnispyramide orientieren trifft wohl auf fast alle technischen Anschaffungen eher nicht zu, dass sie der Stillung der physiologischen Grundbedürfnisse (Essen, Schlafen) oder der Sicherheit dienen. Wer Alexa kauft, um seine sozialen Bedürfnisse (Stufe 3 der Pyramide) zu stillen, sollte vielleicht nächste Mal statt zu Media Markt zum Bingoabend oder gleich zum Psychologen gehen. Will sagen: Technische Geräte sind Luxusgüter, die wir nicht wirklich brauchen. Die Diskussion, ob man Alexa, ein iPhoneX, einen Kühlschrank mit Eiswürfelspender oder einen Quadrocopter wirklich braucht, ist meines Erachtens hinfällig. Der Mensch braucht sehr wenig von dem, was wir so in der Wohnung rumstehen haben.

 

Küchen-Alexa

Zur Vereinfachung unterscheide ich ab hier zwischen der Küchen-Alexa (Echo, das bei mir in der Küche steht) und der Wohnzimmer-Alexa (ihr kommt alleine drauf).

Die Küchen-Alexa ist wirklich hilfreich. Wenn ich morgens mein Müsli esse, lasse ich mir mein selbst zusammengestelltes Nachrichtenupdate vorlesen. Viele Nachrichtenportale erstellen eigens dafür 100-sekündige Snippets, die auch mindestens einmal am Tag aktualisiert werden.

Außerdem ersetzt die Küchen-Alexa quasi das Radio, da man über das Gerät alle digitalen Sender empfangen kann. Auch meine Spotify-Playlists kann ich über die Box abspielen.

Manchmal beantwortet Alexa auch mal schnell eine Frage zu der Einwohnerzahl von Eisenhüttenstadt, nach dem Wetter oder einem Fußballergebnis. Eher seltener wird eine der Alexa Apps benutzt (Die meistgenutzte App bei mir ist R2D2. Eine App, die immer nur piept wie der kleine Druide, egal was man fragt). Für Menschen, die nicht in einer Stadt wohnen und die Mülltonne vor das Haus stellen müssen, soll wohl auch die „Erinnerung-an-die-Müllabfuhr-App“ (oder so) sehr praktisch sein.

Das wirklich Nützliche an der Küchen-Alexa ist, dass man beim Kochen keine Timer mehr per Hand stellen muss (klingt albern, ist aber so). Ich kann parallel einen Ofen-, Nudel- und Tee-Timer stellen und brauche dafür nicht meinen Rührbesen aus der Sauce zu nehmen (Hihi, das klingt als würde ich regelmäßig aufwändig kochen).

Komplettiert wird das Leistungsspektrum von witzigen Fragen, die ich Alexa stelle nachdem der wöchentliche Alexa-Newsletter mit witzigen Fragen kam.

 

Wohnzimmer-Alexa

Die Wohnzimmer-Alexa führt ein größtenteils eher einsames Leben (Lacht nicht über mich, 3 Wochen mit dem Ding und das Gerät wird zu eurer Freundin, ich verspreche es euch). Sie hat, im Gegensatz zu Ihrer Schwester in der Küche, keinen nennenswerten Lautsprecher. Mit ihr macht Radio und Spotify hören dementsprechend nicht so viel Spaß (Euphemismus!).

Wohnzimmer-Alexas Hauptanfragen sind „Wie ist das Wetter draußen?“, wenn ich zu faul bin kurz aufzustehen und auf den Balkon zu gehen und „Stelle die Temperatur im Wohnzimmer auf 22 Grad“. Was? Das kann Alexa auch?
Ja, aber nur wenn ihr ein passendes Thermostat an eure Heizungen geschraubt habt. Ich habe zwei Thermostate, die nicht über WLAN, sondern über DECT direkt mit dem Router kommunizieren, installiert und Alexa quasi die Zugangsdaten zum Smart Home-Bereich meines Routers überlassen (Wenn man das so schreibt klingt das echt nicht so schlau). Auf jeden Fall kann ich jetzt die Temperatur im Wohnzimmer und in der Küche verändern ohne von der Couch aufzustehen (Make my life great again).

50% der Zeit, in der Alexa zuhört, wurde sie nicht von mir, sondern vom Fernseher aktiviert. Wenn in einer Serie jemand Alex heißt, ist das sehr verwirrend für sie. Manchmal fängt ihr blauer Kreis aber auch an zu Leuchten, wenn kein ähnliches Wort gesagt wurde oder, das ist schon gruselig, wenn niemand etwas gesagt hat.

 

Die Haken

Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Wer sich einen Amazon Echo zulegt muss sich bewusst sein, dass technisch jedes Wort mitgehört wird. Amazon schwört, eine Übertragung des Gesagten ins Internet findet nur statt, nachdem Alexa aktiv angesprochen wurde. Gegenteiliges konnte bisher niemand beweisen. Glaube ich.

Ein weiteres Hindernis, das bei vielen den Spaß der Nutzung einschränken könnte ist: Man muss üben. Leider (oder glücklicherweise) versteht Alexa nicht jedes beliebige Kommando und findet nicht auf jede Frage eine Antwort. Aufgrund des Hypes, der um sprachbasierte Assistenzsysteme stattfindet, löst das bei Besuchern oft Enttäuschung aus („Was, das kann sie nicht? Was kann sie überhaupt?“). Letztlich ist das Echo auch nur ein Gerät und Alexa eben nur eine Software. Man würde schließlich auch nicht fragen: „Wie Fensterputzen? Kann das nicht dein iPhone machen?“

Teil der Eingewöhnungsphase ist auch, nicht „Alexa“ zu sagen, wenn man über Alexa redet, weil sie dann natürlich anspringt und eine Anfrage erwartet. Darum nennen wir Alexa jetzt Uschi, wenn wir heimlich über sie sprechen wollen (Dazu eine witzige Anekdote: Mir ist aufgefallen, dass in der Amazon-Werbung das „A“ in „Alexa“ komplett weggenuschelt wird, damit die Geräte nicht auf die Werbung anspringen).

Bevor man sich einen dieser schlauen Assistenten ins Haus stellt sollte man sich außerdem eines bewusst sein: Das ist erst der Anfang. So wie ich mir kurz nach dem Echo auch die Heizungsthermostate bestellt habe, könnte es mit etlichen weiterer Gadgets weitergehen. Letztens war ich kurz davor mein Wohnzimmer mit intelligenten Glühbirnen auszustatten. Davon kostet eine gerade mal läppische 30-45€ (wohlgemerkt eine Glühbirne, kein Set). Dafür kann man dann sagen: „Alexa, mach pinkes Licht im Wohnzimmer an“. Alles hat seinen Preis.

 

Alexa, komm zum Punkt

Alexa hat ihre Nische im Alltag gefunden. Besonders beim Frühstücken, beim Kochen und auf der Couch ist sie eine gute Begleiterin. Es bleibt zu hoffen, dass die „Skills“ genannten Apps in Zukunft noch besser werden und Alexa mit noch mehr Geräten kompatibel sein wird. Meine Teufel Raumfeld-Lautsprecher kann ich beispielsweise nicht über Alexa steuern. Dabei ist doch das der Traum: Eben nichts mehr selbst anfassen zu müssen, alles von der unsichtbaren Hand, welchen Namen sie dann auch immer trägt steuern zu lassen. Alexa kaufe dies, erinnere mich an das, mach Kaffee, mach Wäsche, mach mir gute Laune. Und spätestens, wenn Alexa zu einer echten Assistentin im echten Leben wird, werden wir auch die Datenschutzprobleme ignorieren können. Basta.

Und zum Schluss:

Wichtigster Satz für die Alexa-Nutzung: „Alexa, STOPP!“.
Bester Satz für die Alexa-Nutzung: „Alexa, frag R2D2 was der Sinn des Lebens ist!“

Targeted Advertising: Das könnte Sie interessieren

Native Ads: Hund beißt Hund in den Schwanz

Werbeanzeigen in Google-Suchergebnissen, empfohlene Artikel auf Nachrichtenportalen, Video-Einspieler vor jedem Video, das man schaut und in die Website integrierte Boxen, die einem Produkte anzeigen, über die man sich ohnehin vor Kurzem informiert hatte: Je personalisierter Werbung im Internet ist, desto besser. Marketer rund um den Globus verwenden einen Großteil Ihrer Zeit damit, jede Ecke des Internets mit Targeted Ads auszustatten (man könnte auch zielgerichtete Werbung sagen, aber Deutsch und Marketing, das passt einfach nicht). Werbung also, die speziell für uns und unsere Interessen zugeschnitten sein soll. Ob Paid Search, Social Ads, Native Advertising (das kann auch alles und nichts bedeuten) oder Retargeting: Targeted Advertising bestimmt die Art, wie wir Werbung konsumieren.

Was den Werbetreibenden die Möglichkeit gibt ihre Produkte immer gezielter auszuspielen, führt allerdings häufig zum Gegenteil: Die Targeted Ads verfehlen die Zielgruppe. Das Ergebnis sehen wir täglich auf unseren Smartphones, Tablets und Computern: Es ist die Werbung, die bei uns Stirnrunzeln und Verwunderung auslöst. So wie die Werbung für ein „Online-Hundetraining“, die ich bekomme, obwohl ich keinen Hund habe. Oder für das Siemens Hightech-Hörgerät, obwohl ich keine (zumindest ärztlich attestierten) Hörprobleme habe (Meine Mutter behauptet seit 25 Jahren etwas anderes). Oder für das französische Hummer-Dinner für nur 500€ (ganz falsche Zielgruppe). Und, und, und…

Das wirklich frustrierende daran ist, dass man als Nutzer eigentlich erwartet, das Werbe-System wäre klüger und würde bessere Vorschläge machen. Von Diensten wie Netflix, Amazon und Spotify sind wir es gewohnt, dass uns Filme, Produkte und Songs vorgeschlagen werden, die uns wirklich gefallen können oder die wirklich nützlich sind. Bei Targeted Ads klappt das zu selten. Warum eigentlich?

Targeted Ads müssen nicht schlecht sein. Sind sie aber.

Ich habe eine Theorie: das Problem ist (*Trommelwirbel*) der Mensch (Wer hätte damit gerechnet, der Mensch ist ja sonst nie das Problem…).

Amazon, Netflix, AppStore: All diese Systeme arbeiten ausschließlich datenbasiert. Welcher Film uns vorgeschlagen wird, wann uns ein neues Hemd bei Amazon angeboten wird, all diese Entscheidungen trifft ein Algorithmus. Neben unseren persönlichen Vorlieben für Filme, Hemden usw. wird dabei auch analysiert was andere Nutzer gerne gesehen oder gekauft haben, die uns vom Verhalten oder anderen Merkmalen her ähnlich sind. Und so weiter und so weiter: Ganz oben sitzt der mächtige Algorithmus, der uns mit allen anderen Menschen auf der Welt vergleicht und dadurch schon vorher weiß, welches Lied uns wirklich gut gefallen wird und schickt uns seine Empfehlungen direkt auf den Bildschirm.

Beim Targeted Advertising hingegen entscheidet ein Marketing-Mensch (statt „Mensch“ könnte hier auch „Expert“, „Manager“ oder eine anderer hipper, englischer Begriff stehen), wer denn wohl die Zielgruppe für das jeweilige Produkt sei. Und genau das ist das Problem.

Kontrolle ist gut. Punkt.

Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass Zielgruppen häufig allein aus Annahmen definiert werden und diese Annahmen im Voraus auch nicht verifiziert werden. Wenn also ein Marketing Mensch sagt: „Dieses Hundetraining, das ist doch bestimmt für Nutzer interessant, die irgendwie so mittelalt sind und mal ein Hunde-Video auf Facebook geschaut haben“, dann geht diese Werbung eben auch mit dieser Zielgruppenbeschreibung online. Gefühlt werde ich von Marketing-Managern dabei besonders durch zwei Attribute definiert: „Mann“ und „irgendwas zwischen 25 und 40 Jahren“. Und das kann einem auch ein dreijähriges Kind erzählen, wenn es mich sieht.

Die Möglichkeiten, die Targeted Advertising den Marketern bietet, werden großflächig nur rudimentär ausgenutzt. Die Folgen davon sind einleuchtend: Targeted Ads werden ignoriert (so wie die „Tür schließt“-Ansagen in der U-Bahn). Mein Hirn hat Großteile der Targeted Ads-Flächen im Internet schon mit „Langweilig“-Tags versehen und blendet diese nun aus. Vorschläge unter Artikeln existieren für mich schon lange nicht mehr. Auf Google-Werbung klicke ich aus Prinzip nicht. Und irgendwann schaffe ich es bestimmt auch diese penetrante Teufel-Raumfeld-Werbung auszublenden, die mich seit über einem Jahr durchs Internet verfolgt.

Kenne deinen Gegner

Für Marketing-Menschen ist es also 5 vor 12: Wenn ihr eure Goldgrube behalten wollt, soltet ihr anfangen Zielgruppen besser zu definieren und die Möglichkeiten zu nutzen, die euch durch den technologischen Fortschritt (den gläsernen Nutzer im Internet) gegeben werden. Oder noch besser: Beschäftigt euch schon einmal tiefergehend mit Machine Learning und anderen für das Marketing relevanten Formen von künstlicher Intelligenz. Denn, und das ist meine gewagte These: Der Code wird euch diese Arbeit in den nächsten Jahren komplett abnehmen. Zielgruppen definieren wird weitestgehend obsolet (Der Algorithmus verteilt die Werbung) und am Ende stehen besonders die gut da, die verstehen worum es geht (Hier lest ihr, wie erfinderisch einfache KIs heute schon sind).

Pro-Tipp

Bis dahin noch ein Pro-Tipp für alle Marketing-Opfer: Nehmt euch zehn bis zwanzig Minuten Zeit und surft auf ein paar Websites von Dingen, die euch wirklich gefallen. Ein paar Minuten später bekommt ihr überall nur noch Werbung für dieses oder ähnliche Produkte ausgespielt (Retargeting sei Dank!).

P.S. Wenn ihr euer Gehirn beim Ignorieren unterstützen wollt, solltet ihr lieber kurz aktiv nach Produkten suchen, die euch überhaupt nicht interessieren. So fällt das Nicht-Beachten gleich viel leichter. Oder ihr vertraut dabei einfach auf die Arbeit eurer Marketing-Menschen.